Inez Bjørg David

Warum ich froh bin Opfer eines Raubüberfalls zu sein

Erstens: Es war zwar technisch ein Raubüberfall, aber in der Tat hat es sich nicht ganz so dramatisch angefühlt.

Kurz erzählt klingelte es bei mir an der Wohnungstür und ein junger Mann wollte sein Paket abholen – da das Paket aber für mein Nachbar war und ich ihn sehr wohl kenne, wollte ich das Paket nicht aushändigen. Ich habe dann etwa 10 Minuten mit dem jungen Mann diskutiert wobei er 3 Mal sagte: „Fragen Sie doch Ihren Freund, er kennt mich bestimmt.“ Darauf reagierte ich nicht, auch nicht auf seine Blicke hinter mir in die Wohnung rein. Als ich zwei Mal die Tür zumachen wollte kam er immer nach vorne und ich ging daraufhin auch nach vorne um ihn nicht zu nah an der Tür zu haben. Schließlich wurde er ungeduldig und drängte sich an mir vorbei in die Wohnung rein um sich zu versichern ob ich nun alleine bin oder nicht. Darauf hin schrie ich ihn in voller Lautstärke an, er solle raus aus meiner Wohnung – wobei ich ihn auch von hinten am Kragen packte (er stand ja jetzt halb mit dem Rücken zu mir um in die Wohnung zu gucken) und mit aller Kraft Richtung Tür zerrte, als er wieder frontal zu mir stand schubste ich ihn kräftig 2-3 Mal auf der Brust bis er ganz draußen war. Die ganze Zeit schrie ich ihn so laut ich konnte an, er solle sich verp%ssen. In meiner Empfindung holte er dann in slowmotion ein Messer aus seiner Hosentasche, was mir in dem Moment auch schon bewusst war als er die Hand überhaupt dort hinbewegte. Ich dachte nur: „Inez, lass ihn das sch%iß Paket nehmen, bete dass er damit auch zufrieden ist!“ und ich schrie ihn eben an er solle sein sch%iß Paket nehmen und verschwinden. Was er auch tat.

Danach knallte ich dir Tür zu und rief natürlich sofort die Polizei. Ich hatte zwar am Abend höllische Rücken- und Nackenschmerzen, aber emotional hatte ich mit nichts zu kämpfen. Außer vielleicht meine Empathie mit dem jungen Mann, der sich gerade das Leben sehr viel schwerer gemacht hat. Laut Polizei ist diese Masche im Moment sehr beliebt – Pakete auf irgendwelche Namen mit irgendwelchen Kreditkartennummern bestellen und dann eben mit Abholschein beim Nachbarn abholen. Meistens klappt es in Berlin ja sicherlich auch gut, hier kennt man sich nicht. Und wenn es mal mit einem Paket nicht klappt ist es denen eigentlich auch egal, dann halt beim nächsten. Die Steigerung mit dem Messer war der Polizei auch neu und in meinen Augen für den Jungen Kerl absolut schwachsinnig. Er muss sich jetzt rechtfertigen wegen Raubüberfall und Hausfriedensbruch oder wie auch immer es in Deutschland heißt.

Dadurch dass ich mich in dem letzten Jahr immer mehr mit meiner yogischen Praxis auseinandergesetzt habe, bin ich bei bestimmten Dingen tatsächlich auch deutlich sensibler als früher. So konnte ich sehr genau seine Stimmung spüren – die Leichtmut am Anfang, die Frustration, dass ich das Paket nicht aushändigte und seine Angst als die Situation (für uns beide) eskalierte. Mir tut er Leid, da ich mehr als sicher bin er hängt da tief drin. In einer Bandenkriminalität wo es für ihn scheinbar keinen Ausweg gibt. Es wird für ihn der scheinbar beste Weg sein – mit Eltern, die es entweder nicht mitbekommen oder einfach nicht in der Lage sind etwas daran zu ändern. In den nächsten Tagen gingen meine Gedanken oft an ihn – und wie gerne ich ihn wachrütteln würde. Ich war schließlich auch mal 15, und fast jeder meiner Freunde von damals landeten im Gefängnis, nur ich schaffte den Absprung früh genug. Es fängt immer alles so harmlos an. Die Frage ist, wann übernimmst Du die Verantwortung für Dein Leben? Wann vergisst Du die Wut – auf Deine Eltern, die Gesellschaft, die Welt und nimmst die Ruder selbst in die Hand; hörst auf Opfer zu sein?

Photo Credit Mirko Lang

Aber warum ich nun froh bin? Mich hat die Situation wachgerüttelt. Ich habe endlich – nach dem ich ZWANZIG JAHRE damit anfangen wollte – mit Wing Tsun angefangen. Und ich mache mir gerade viele Gedanken wie ich meine Zeit tatsächlich verbringen möchte. Eigentlich wollte ich doch mehr Yoga unterrichten, eigentlich wollte ich doch mit Kindern und Jugendlichen was machen, eigentlich eigentlich…. Ich habe das Gefühl ich stehe gerade an einem Kreuzweg. Ich muss und werde mich entscheiden welchen Weg ich einschlage. Ich halte Euch auf dem laufendem. Jetzt aber erst Mal von mir eine Verbeugung vor den großen und unergründlichen Mächten des Universums, die mir immer deutlicher und dennoch komplizierter erscheinen. Ich bin mehr als dankbar für diese Uralte Technik des Yogas, die meine kleine Welt so viel größer macht.

Eure Inez

5 Comments

  1. Liebe Inez,

    meinen vollsten Respekt! Ich kenne mich, in meiner Naivität und ein Paket anzunehmen ist ja nicht schlimm. Ich finde es bemerkenswert, dass du so eine feinfühlige Ader hast. 🍀👍😊

    Grüße aus Trier

    Doro

  2. Krass. Bin ich froh, dass alles „gut“ ausgegangen ist!
    Ich kann mir bildlich vorstellen, wie er Angst gehabt haben muss, als du angefangen hast, ihn an zu schreien 😅
    Es ist total interessant und bewundernswert, wie sehr du dich auf die positiven Auswirkungen für dich beschränkst und selbst so eine Situation als eine Art „Wink des Schicksals“ siehst..
    Es ist traurig, wie viele Menschen aus ihrem Leben nicht das machen, wozu sie eigentlich die Chance hätten. Vielleicht hat dieser Mann nun begriffen, dass er die Möglichkeit hat, sein Leben auch anders zu gestalten. Wer weiß…
    Manchmal braucht es so Ereignisse, um festzustellen, dass die Zeit so schnell vergeht und man doch endlich das, was man schon so lange tun wollte, endlich mal macht!
    Ich bin gespannt, was du noch alles machen wirst 🙂
    Pass auf dich auf <3
    Liebe Grüße, Miri

  3. Die Beschreibung „froh“ ist vielleicht doch ein bisschen zuviel des Guten!!? Ich denke, Du darfst dankbar sein das es so ausgegangen ist. Gerade bei diesen, vermutlich, Kleinkriminellen wird es
    ja gefährlich wenn die vermeintlich leichte Situation außer Kontrolle gerät oder eskaliert.

    Aber natürlich ist diese Situation eine Gelegenheit bei der man mal „wachgerüttelt“ wird und so
    kann man sicher auch aus dieser Schei#e etwas positives herausziehen.

    Ich bin gespannt welchen Weg du gehst. Es bleibt spannend. Immer. 😉

    LG

    1. Lieber David,
      Recht hast Du natürlich. Und im nachhinein weiß ich auch nicht warum ich nicht einfach von Anfang an das Paket ausgehändigt habe – ich wusste ja von Anfang an, dass er tatsächlich das Paket (wenn auch als Betrug) bestellt hatte. Aber ich bin halt eine Löwenmama und eine Kriegerin des Lichts 😉 Und Fairness und Gerechtigkeit liegt mir zu sehr im Blut. Dennoch würde ich, wenn es mir je wieder passieren sollte, nicht so weit kommen lassen!
      Liebe GRüße quer durch Deutschland,
      Inez

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